Eine österreichweite Studie des Ludwig Boltzmann Instituts für Osteologie (LBI Osteologie) und des Complexity Science Hub (CSH) zeigt, dass viele Frakturen als typische Frühwarnzeichen für Osteoporose gelten, jedoch im Klinikalltag häufig nicht als solche erkannt und dokumentiert werden. Dabei sind Männer und jüngere Patient:innen häufiger betroffen. Wien, 20. Juli 2026 – Osteoporose, eine Erkrankung, bei der die Knochen an Dichte und Stabilität verlieren, zählt zu den häufigsten Erkrankungen im höheren Lebensalter und erhöht das Risiko für Knochenbrüche erheblich. Trotzdem wird sie häufig erst nach dem ersten typischen „Osteoporose-Bruch“, beispielsweise an der Hüfte, erkannt. Eine neue Studie des LBI Osteologie und des CSH liefert erstmals einen österreichweit umfassenden Überblick darüber, wie Osteoporose und verschiedene Frakturtypen in österreichischen Krankenhausdaten gemeinsam auftreten. Die Ergebnisse wurden nun im renommierten Fachjournal Bone publiziert und zeigen, dass Knochenbrüche meist Teil eines komplexen Musters aus mehreren Erkrankungen sind und unterstreichen die Bedeutung einer konsequenten Osteoporose-Abklärung zum Zeitpunkt eines Knochenbruchs.
Knochenbrüche oft im Zusammenhang mit weiteren GesundheitsfaktorenKnochenbrüche entstehen meist nicht durch eine einzelne Ursache. Neben der Knochenmineraldichte spielen auch Begleiterkrankungen, das Sturzrisiko sowie der allgemeine Gesundheitszustand eine wichtige Rolle. Um diese Zusammenhänge besser zu verstehen, analysierte das Forschungsteam österreichische Krankenhausdaten von mehr als 1,7 Millionen Patient:innen im Alter zwischen 50 und 79 Jahre, die zwischen 2003 und 2014 im Rahmen von Versicherungsansprüchen erhoben wurden. Anstatt einzelne Erkrankungen isoliert zu betrachten, untersuchten die Forschenden erstmals österreichweit, welche Diagnosen gemeinsam mit Osteoporose und verschiedenen Frakturtypen auftreten.
„Osteoporose und Knochenbrüche treten in der klinischen Praxis häufig gemeinsam mit vielen weiteren Erkrankungen, wie zum Beispiel Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Stoffwechselerkrankungen oder neurologische Erkrankungen auf“, erklärt Martina Behanova, Studienerstautorin und Senior Researcher am LBI Osteologie. Roland Kocijan, Leiter des Bereichs Osteologie und seltene Knochenerkrankungen am Hanusch-Krankenhaus Wien ergänzt: „Um das Risiko weiterer Frakturen zu verhindern, empfehlen wir daher das gesamte Gesundheitsprofil der Patient:innen zu berücksichtigen. Unsere Ergebnisse unterstreichen, wie wichtig eine konsequente Osteoporose-Abklärung nach einem Knochenbruch ist, um weitere Frakturen zu verhindern.“
Osteoporose wird nicht bei allen Frakturarten gleichermaßen dokumentiertIm Zuge der Studie wurde klar, dass Osteoporose bei vielen Frakturarten nicht systematisch dokumentiert wird, obwohl diese Brüche häufig auf eine zugrunde liegende Knochenschwäche hinweisen und teilweise bereits als typische Fragilitätsfrakturen gelten. Besonders deutlich wurden die Unterschiede zwischen verschiedenen Knochenbruchtypen. Hüftbrüche standen am häufigsten mit einer dokumentierten Osteoporose in Zusammenhang, vor allem bei Frauen ab 60 Jahren.
Darüber hinaus zeigen die Ergebnisse, dass viele typische osteoporotische Frakturen – insbesondere an Unterarm, Oberarm und Becken – im klinischen Alltag noch immer nicht konsequent als Ausdruck einer Osteoporose erkannt werden. Dabei erfüllen diese Frakturen bereits die Diagnose einer manifesten Osteoporose und erfordern eine rasche Abklärung sowie den Beginn einer spezifischen Osteoporosetherapie, um weitere Knochenbrüche zu verhindern.
Besonders alarmierend ist, dass Frakturen häufig nicht isoliert auftreten, sondern eng mit weiteren Frakturen an anderen Skelettregionen assoziiert sind. „Jede Fragilitätsfraktur sollte daher als Warnsignal verstanden werden, um eine Frakturkaskade frühzeitig zu durchbrechen“, so Kocijan. Dabei ist jedoch zu beachten, dass die Studie ausschließlich stationäre Krankenhausaufenthalte erfasste. Ambulant behandelte Brüche, wie sie bei diesen Frakturtypen häufig vorkommen, konnten nicht berücksichtigt werden.
Männer und jüngere Patient:innen seltener dokumentiertDie Studie zeigte außerdem deutliche Unterschiede zwischen Frauen und Männern. Während Osteoporose bei Frauen häufiger im Zusammenhang mit verschiedenen chronischen Erkrankungen wie beispielsweise Arthrose dokumentiert wurde, erfolgte die Diagnose bei Männern oft erst im Zusammenhang mit einem bereits eingetretenen Knochenbruch.
Besonders auffällig war, dass Osteoporose bei Männern sowie bei Patient:innen im Alter von 50 bis 69 Jahren deutlich seltener im Zusammenhang mit Frakturen diagnostiziert bzw. dokumentiert wurde. Gleichzeitig fanden sich bei Männern dieser Altersgruppe häufiger verletzungs- und alkoholassoziierte Begleitdiagnosen.
„Osteoporose wird bei Männern möglicherweise zu spät erkannt“, so Elma Dervić, Studienautorin und Postdoctoral Researcher am CSH. „Damit verpassen wir wichtige Chancen, rechtzeitig Maßnahmen einzuleiten und weitere Frakturen zu verhindern. Eine frühere Diagnose kann entscheidend sein, um die Knochengesundheit langfristig zu schützen.“
Publikation:Behanova, M., Kocijan, R., Dervić E. Sex- and age-specific comorbidity networks associated with osteoporosis and fragility fractures in nationwide data, Bone (2026).
https://doi.org/10.1016/j.bone.2026.118014 Weitere Informationen zum LBI Osteologie:
https://osteologie.lbg.ac.at Weitere Informationen zum Complexity Science Hub:
https://csh.ac.at