- Trotz Rekordinvestitionen: Viele nachhaltige Technologien bleiben hinter den Erwartungen zurück
- Der globale Markt für Klimaanpassung könnte bis 2050 auf 4,4 Billionen US-Dollar wachsen
- 85 Prozent der Konsumenten weltweit sorgen sich um Umwelt und Klima – nach 79 Prozent im Vorjahr
- Führungskräfte überschätzen den künftigen Anteil künstlicher Intelligenz (KI) am weltweiten Energieverbrauch um das Sechzehnfache
Wien, 22. September 2026. Die Welt hat gerade den wärmsten August seit Beginn der Wetteraufzeichnungen erlebt. Hitze, Niedrigwasser und Waldbrände machen Klimarisiken für Unternehmen und Verbraucher immer konkreter. Die vierte Ausgabe der Studie „The Visionary CEO’s Guide to Sustainability“ der internationalen Unternehmensberatung Bain & Company zeigt nun: Klimaanpassung entwickelt sich zum Billionenmarkt – und der richtige Investitionszeitpunkt zum Wettbewerbsfaktor.
Rekordinvestitionen in nachhaltige TechnologienWeltweit flossen 2025 insgesamt 2,4 Billionen US-Dollar in nachhaltige Technologien, mehr als je zuvor. Das zeigen Bain-Analysen auf Basis von Daten der Internationalen Energieagentur (IEA) und der Climate Policy Initiative (CPI). In den vergangenen zehn Jahren investierten Unternehmen und Regierungen insgesamt rund 17 Billionen US-Dollar. Doch nicht jede Investition zahlt sich aus: Bain hat für 37 nachhaltige Technologien verglichen, wie weit sie sich bis 2025 tatsächlich durchgesetzt haben und was zehn Jahre zuvor für diesen Zeitpunkt erwartet worden war. Lediglich Solarenergie, Batteriespeicher und Elektrofahrzeuge übertrafen die Erwartungen, 29 Technologien blieben dahinter zurück. Zudem konzentriert sich das Kapital stark: Knapp 90 Prozent der Investitionen flossen in nachhaltige Energie, Gebäude und Mobilität.
„Die Rekordinvestitionen rund um den Globus zeigen: Der Umbau hin zu nachhaltigeren Technologien schreitet weiter voran. Entscheidend ist aber, wo sich Technologien tatsächlich durchsetzen und wirtschaftlich skalieren lassen. Genau dorthin fließt das Kapital immer gezielter”, betont Bain-Partner
Franz-Robert Klingan.
Klimaresilienz: Wer rechtzeitig investiert, ist im VorteilFür Unternehmen wächst durch die zunehmenden Klimarisiken der Handlungsdruck. Analysen von Bain und dem Staatsfonds GIC zufolge könnte der weltweite Markt für Klimaanpassung dadurch von heute rund einer Billion auf 4,4 Billionen US-Dollar im Jahr 2050 wachsen. Relevant werden etwa Technologien zur Früherkennung von Klimarisiken, Lösungen zum Schutz von Anlagen und Infrastruktur sowie Maßnahmen, die Lieferketten widerstandsfähiger gegen Extremwetter machen. Dennoch können mehr als 30 Prozent der Unternehmen die finanziellen Folgen ihrer Klimarisiken bislang nicht beziffern.
Wie wichtig dabei der richtige Zeitpunkt für Investitionen ist, zeigt die Bain-Analyse von knapp 150.000 Anlagen in zwölf Branchen. So lassen sich etwa Solaranlagen bereits beim Neubau widerstandsfähiger gegen Klimarisiken auslegen und später vergleichsweise häufig modernisieren. In kapitalintensiven Branchen wie Stahl oder Zement bietet sich die Gelegenheit, Klimaresilienz bei einer ohnehin anstehenden Modernisierung mitzudenken, dagegen oft nur alle 25 bis 35 Jahre. Wer dieses Zeitfenster verpasst, kann sich damit für Jahrzehnte höhere Klimarisiken einhandeln.
Wie sich solche Investitionen auszahlen können, zeigt die Studie anhand des Beispiels BASF. Als das Niedrigwasser des Rheins 2018 den Schiffsverkehr einschränkte, entstanden dem Konzern Kosten von rund 280 Millionen US-Dollar. BASF investierte daraufhin unter anderem in Niedrigwasserschiffe, alternative Transportwege und Frühwarnsysteme. Als der Wasserstand 2022 erneut stark sank, reduzierten diese Maßnahmen sowohl die Zahl der Ausfalltage als auch die Transportkosten deutlich. „Klimaanpassung wird jetzt zum Wettbewerbsfaktor“, resümiert Bain-Partner Klingan. „Wer resilienter aufgestellt ist als der Wettbewerb, schützt nicht nur Unternehmenswerte. Gerade in Krisenzeiten kann ein echter strategischer Vorteil entstehen.“
Extremwetter treibt Klimasorgen wieder nach obenAuch bei Verbrauchern hinterlassen die Extremwetterereignisse Spuren. Erstmals seit drei Jahren steigt ihre Sorge um Umwelt und Klima wieder: 85 Prozent der Befragten sorgen sich um Umwelt und Klima, nach 79 Prozent im Vorjahr. Besonders stark beschäftigen sie Hitze, Überschwemmungen und Waldbrände. Für die Studie hat Bain 7.499 Verbraucher in den USA, Großbritannien, Italien, Brasilien und Indonesien befragt. Gleichzeitig zeigen die Ergebnisse: Nachhaltiges Verhalten wird nicht ausschließlich von der Sorge ums Klima getrieben. Fast die Hälfte der Konsumenten, denen das Thema nach eigener Aussage nicht wichtig ist, hat dennoch mindestens drei nachhaltige Gewohnheiten entwickelt. Sie reduzieren etwa ihren Energieverbrauch, um Geld zu sparen, oder essen weniger Fleisch, um gesünder zu leben.
„Für Unternehmen ist das eine wichtige Erkenntnis: Nachhaltigkeit allein verkauft noch kein Produkt“, erklärt Bain-Partner und Nachhaltigkeitsexperte
Karl Strempel. „Besonders erfolgreich sind vielmehr Angebote, die Nachhaltigkeit mit weiteren Vorteilen für Verbraucher verbinden, etwa einem günstigeren Preis, gesundheitlichem Nutzen oder höherer Qualität.“ Das schlägt sich auch in der Zahlungsbereitschaft nieder. Für nachhaltige Produkte würden Verbraucher im Schnitt 18 Prozent mehr bezahlen. Kommt ein zusätzlicher Gesundheitsnutzen hinzu, steigt dieser Wert auf 24 Prozent.
KI-Debatte: Energiebedarf wird deutlich überschätztAuch KI spielt in der aktuellen Nachhaltigkeitsdebatte eine immer größere Rolle. Gerade beim Ausbau von Rechenzentren wird intensiv über deren Energiebedarf diskutiert. Dabei offenbart der Report eine erhebliche Fehleinschätzung: Führungskräfte erwarten, dass KI in drei Jahren rund 11 Prozent des weltweiten Energieverbrauchs ausmachen wird, Verbraucher gehen sogar von 19 Prozent aus. Bain prognostiziert auf Basis aktueller Berechnungen dagegen einen Anteil von 0,7 Prozent. Damit überschätzen Führungskräfte den erwarteten Anteil um das Sechzehnfache, Verbraucher um das Siebenundzwanzigfache.
Zugleich kann der Einsatz von KI selbst den Energieverbrauch senken, etwa indem diese Anlagen und Produktionsprozesse effizienter steuert, Bedarfsprognosen optimiert oder Emissionen überwacht. Solche bereits heute bekannten Anwendungen könnten laut IEA bis 2035 den weltweiten Endenergieverbrauch um rund 3 Prozent reduzieren. „Der steigende Energiebedarf von Rechenzentren ist eine reale Herausforderung. Der Anteil von KI am weltweiten Verbrauch wird aber deutlich überschätzt“, so Bain-Partner Klingan. „Entscheidend ist auch der Nettoeffekt von KI: Wie viel Energie kann sie an anderer Stelle einsparen?“
Die Rekordinvestitionen zeigen: Nachhaltigkeit ist nicht auf dem Rückzug – doch längst nicht jede Investition führt zum Erfolg. „Für Unternehmen kommt es darauf an, schneller als andere zu erkennen, wo sich Märkte verändern und wo neue Risiken entstehen“, sagt Bain-Partner Strempel. „Gerade bei der Klimaanpassung zahlt sich frühes Handeln aus. Resilienz wird damit vom Schutzschild zum strategischen Vorteil.“